Was willst du, dass ich dir tue?

Warum dieses Portal VideamUt heißt

Ein Beitrag über den blinden Bartimäus und den Namen dieses Portals · Lesezeit ca. 10 Minuten

Eine staubige Straße aus Jericho hinaus. Eine Volksmenge. Der Rabbi aus Galiläa zieht durch — auf dem Weg nach Jerusalem.

Am Wegrand sitzt ein blinder Bettler. Er heißt Bartimäus. Er kann Jesus nicht sehen. Aber er hört, wer da kommt.

Und er schreit.

„Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“

Die Menge versucht, ihn zum Schweigen zu bringen. Sei still. Du störst. Aber Bartimäus schreit nur lauter. Wieder. Und wieder.

Erst dann bleibt Jesus stehen. Erst dann fragt er.

Das ist der Moment, in dem alles beginnt — und der Moment, an dem dieses Portal seinen Namen gefunden hat.

Der biblische Text: Mk 10,46–52

46 Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß am Weg ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus.

47 Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!

48 Viele befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!

49 Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.

50 Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.

51 Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tue? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte sehen können.

52 Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dich gerettet. Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.

— Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe, © 2016 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart.

Kurze Anmerkungen zum Text

  • Jericho liegt rund 250 Meter unter dem Meeresspiegel und gilt als eine der ältesten Städte der Welt. Jesus zieht von hier aufwärts nach Jerusalem — die letzte Etappe vor seinem Einzug und seiner Passion.
  • „Bartimäus, der Sohn des Timäus“: Markus übersetzt den aramäischen Namen für seine griechischsprachige Leserschaft. Bartimäus ist der einzige namentlich genannte Geheilte im Markusevangelium — exegetisch wird das oft so gedeutet, dass er später in der frühen Christengemeinde bekannt war (vgl. Joachim Gnilka, Das Evangelium nach Markus, HThK).
  • „Sohn Davids“ ist ein messianischer Hoheitstitel. Es ist die erste öffentliche messianische Anrede Jesu im Markusevangelium unmittelbar vor dem Einzug in Jerusalem.
  • „Rabbuni“ (Vers 51) ist eine besonders ehrfürchtige aramäische Anrede, intimer als das gewöhnliche „Rabbi“. Sie taucht im Neuen Testament nur noch ein zweites Mal auf — im Mund der Maria Magdalena, als sie den Auferstandenen erkennt (Joh 20,16).
  • Synoptische Parallelen: Mt 20,29-34 (zwei Blinde); Lk 18,35-43 (vor dem Eingang in Jericho).
  • Die Vulgata (lateinische Bibel des Hieronymus) übersetzt v. 51b: „Rabboni, ut videam.“ Daher der Name dieses Portals.

VideamUt = „ut videam", umgekehrt

Der Name VideamUt ist nichts anderes als die Inversion von „ut videam“ — der lateinischen Antwort des Bartimäus aus der Vulgata:

ut videam → VideamUt

Wir haben die zwei Wörter in der Schreibweise zusammengezogen und die Reihenfolge umgedreht — wie in einem Spiegel. Die Bedeutung bleibt:

„dass ich sehen kann“

Das ist die Bitte, die diesen ganzen Portal trägt. Nicht unsere Bitte zuerst — sondern die Bitte des blinden Bettlers von Jericho.

Wer hier liest, sucht — wie Bartimäus — etwas zu sehen. Den Glauben neu, eine Bibelstelle besser, eine Tradition tiefer, ein katholisches Produkt, das Hand und Werkstatt erkennen lässt.

Ut videam.

Eine kleine philologische Notiz: „Rabboni" und „Domine"

An verschiedenen Stellen dieses Portals wirst du der Bitte „ut videam“ mit zwei verschiedenen Anreden begegnen — und beide sind biblisch:

  • „Rabboni, ut videam.“ — so die Antwort des Bartimäus bei Markus (Mk 10,51 Vulgata). „Rabboni“ ist die innige aramäische Anrede, die intimer ist als das gewöhnliche „Rabbi“.
  • „Domine, ut videam.“ — so die parallele Erzählung bei Lukas (Lk 18,41 Vulgata), in der ein blinder Mann am Eingang von Jericho dieselbe Bitte ausspricht. Lukas formuliert die Anrede in lateinischer Form: Domine — „Herr“.

Markus bewahrt die Vertrautheit der Muttersprache Jesu. Lukas öffnet die Anrufung für die universale Christenheit, die Jesus als „Herrn“ bekennt. Beide Stimmen gehören zur Schrift — und beide gehören zu VideamUt. In der Auslegung der markinischen Erzählung bleiben wir bei „Rabboni, ut videam“ (so der konkrete Bartimäus); in der Stillzeile und in der Fußzeile dieses Portals findest du die lukanische Form „Domine, ut videam“ — als universale Bitte, die jeder Christ überall sprechen kann.

Den Anfang macht Bartimäus

Wenn man die Erzählung sorgfältig liest, fällt etwas auf, das oft übersehen wird:

Es war Bartimäus, der angefangen hat. Nicht Jesus.

Es ist Bartimäus, der den vorbeiziehenden Rabbi als „Sohn Davids“ — als Messias — anruft. Es ist Bartimäus, der schreit, obwohl er nicht weiß, ob er gehört wird. Es ist Bartimäus, der sich von der Menge, die ihn zum Schweigen bringen will, nicht zum Schweigen bringen lässt. Er schreit lauter.

Erst dann — als das Schreien lauter wird als alle Stimmen, die es ersticken wollen — bleibt Jesus stehen.

Genau diese Reihenfolge hat Papst Leo XIV. in seiner Generalaudienz am 11. Juni 2025 in den Mittelpunkt gestellt: Bartimäus zeige, was wir tun können, wenn wir uns in einer Situation befinden, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Er kann nichts — außer rufen. Aber rufen kann er. Und er gibt nicht auf, auch wenn andere ihn zurechtweisen, demütigen, und ihm sagen, er solle es lassen.

Und dann sagt der Papst diesen Satz, der das ganze Hindernis-Spiel mit einem Wort entlarvt:

Es gibt keinen Schrei, den Gott nicht hört.

Auch dann nicht — fügt der Papst hinzu — wenn wir uns gar nicht bewusst sind, dass wir uns an Gott wenden.

Erst die Frage, dann die Antwort

Markus arrangiert den Wechsel zwischen Jesus und Bartimäus ganz präzise.

Bartimäus springt auf, wirft den Mantel ab, läuft zu Jesus. Den Mantel — sein einziges Hab und Gut, sein Schutz vor Kälte, das, was er nachts unter sich legt. Er lässt ihn liegen. Papst Leo XIV. machte in seiner Katechese darauf aufmerksam: Bartimäus muss seine vermeintliche Sicherheit loslassen, um zu Jesus zu kommen. Es geht nicht ohne dieses Loslassen.

Und dann fragt Jesus:

„Was willst du, dass ich dir tue?“ (Mk 10,51)

Es ist eine merkwürdige Frage. Bartimäus ist blind. Er hat ihn als Messias angerufen. Er hat alles weggeworfen, um zu ihm zu kommen. Was soll er anderes wollen als zu sehen?

Aber Jesus nimmt nichts vorweg. Er drängt nichts auf. Er fragt.

Papst Leo XIV. hat dazu in seiner Katechese gesagt: Es ist nicht selbstverständlich, dass wir wirklich Heilung wollen. Manchmal bleiben wir lieber, wo wir sind, um keine Verantwortung zu übernehmen. Jesus zwingt Bartimäus, seinen tiefsten Wunsch in Worte zu fassen.

Und Bartimäus antwortet:

„Rabbuni, ich möchte sehen können.“
(„Rabboni, ut videam.“)

Vier Worte im Deutschen, drei im Griechischen: Rabbuni, hína anablépō.

Hier wird die Sache philologisch interessant — und Papst Leo XIV. hat das in seiner Audienz so klar gemacht wie kaum jemand vor ihm.

„Anablépein" — wieder sehen, aufblicken, aufrichten

Das griechische Verb, das Bartimäus benutzt, ist ἀναβλέπειν (anablépein). Es kann zwei Dinge bedeuten:

  1. „wieder sehen“ — die Sehkraft zurückgewinnen, die einmal verloren ging
  2. „aufblicken“, „nach oben schauen“ — den Kopf heben, den Blick aufrichten

Genau diesen Doppelsinn hat Papst Leo XIV. in den Mittelpunkt gestellt. Bartimäus, so der Heilige Vater, wolle nicht nur seine Sehkraft zurück, sondern auch seine Würde. Wer aufblicken will, muss den Kopf heben. Manchmal seien Menschen blockiert, weil das Leben sie gedemütigt habe — und alles, was sie sich wünschen, sei, sich wieder selbst wertschätzen zu dürfen.

Bartimäus saß. Er hatte den Kopf gesenkt. Er bettelte mit gesenktem Blick. Anablépein heißt: wieder ein Mensch werden, der aufrecht steht.

Genau das wird ihm geschenkt. Nicht nur Augen, die wieder sehen — sondern eine Würde, die wieder atmen kann.

Was kann „sehen" für dich bedeuten?

Die katholische Auslegungstradition liest die Bartimäus-Erzählung seit den Kirchenvätern als ein Bild, in dem sich der einzelne Glaubende wiederfindet (vgl. unter anderem die Homilien des Johannes Chrysostomus zum entsprechenden Matthäus-Text, Hom. 66 in Mt.).

Was die Erzählung an konkreten „Wegen des Sehens“ anbietet, lässt sich — ohne Anspruch auf Vollständigkeit — so zusammenfassen:

Sehen heißt: aus der eigenen Dunkelheit aufschauen

Es gibt Lebenslagen, in denen man buchstäblich nichts mehr sieht. Eine Diagnose, ein Verlust, eine Trennung, ein verlorener Glaube, eine Kraftlosigkeit ohne Namen. Bartimäus‘ Bitte wird hier zum eigenen Gebet: Lass mich wieder sehen können.

Sehen heißt: die eigene Würde wiedergewinnen

Wenn das Leben jemanden gedemütigt hat — durch Schuld, durch Unglück, durch andere — dann ist anablépein (wie Papst Leo XIV. es deutet) die Bitte, den Kopf wieder heben zu dürfen. Wieder ein Mensch sein, der aufrecht steht.

Sehen heißt: erkennen, wer Jesus eigentlich ist

Bartimäus war blind und hat Jesus trotzdem als „Sohn Davids“ — als Messias — erkannt. Die sehende Volksmenge nicht. Manchmal ist Glaube genau das: ein Sehen, das nicht von der Funktion der Augen abhängt.

Sehen heißt: das eigene Leben neu lesen lernen

Lectio Divina, die alte monastische Praxis des betenden Bibellesens, ist im Grunde eine Schule des langsamen Sehens. Lesen lernen — die Schrift, sich selbst, die eigenen Beziehungen, die eigene Berufung.

Sehen heißt: den Mantel ablegen

Bartimäus‘ Mantel war seine vermeintliche Sicherheit. Was Papst Leo XIV. in seiner Katechese fragt, gilt für jeden Leser: Was hältst du fest, weil es dich vermeintlich schützt — und es dich in Wahrheit blockiert?

Der Schluss der Erzählung — Bartimäus folgt

Markus beendet die Geschichte mit einem unscheinbaren Halbsatz:

„Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.“ (Mk 10,52b)

Bartimäus war geheilt. Er war frei. Jesus zwingt ihn nicht. Er sagt sogar: „Geh!“ Er hätte überallhin gehen können.

Bartimäus geht — Jesus nach. Der erste in Markus, der den Weg nach Jerusalem freiwillig mit Jesus geht, ist nicht ein Apostel, sondern ein Bettler aus Jericho, der gerade eben wieder sehen kann. Sein erstes „neues Sehen“ ist die Entscheidung, dem zu folgen, der ihm das Sehen geschenkt hat.

So steht es in der Schrift. Mehr lässt sich seriös nicht sagen.

Eine Einladung — der Begleiter durch 40 Wunder Jesu

Wenn diese Erzählung dich berührt hat, möchten wir dir etwas anbieten.

In der Fastenzeit 2027 — vom Aschermittwoch bis Ostermontag — begleiten wir auf VideamUt 40 Wunder Jesu durch die Evangelien. Ein Wunder pro Tag, jeweils mit dem biblischen Text, einer kurzen Auslegung aus katholischer und ostkirchlicher Tradition, einer Verbindung zu Kunst und Kultur, einem Gebet und einem konkreten Schritt für deinen Tag.

Bartimäus selbst hat darin einen besonderen Platz — er ist die Geschichte, an der dieses Portal seinen Namen gefunden hat.

Verfügbar ab Anfang 2027 — schon jetzt anmelden, um den Begleiter kostenlos als 40-Tage-PDF und als täglichen Gruß per Mail zu erhalten.

Wenn dich Bartimäus weiter begleitet

Wir bauen auf VideamUt nach und nach eine Sammlung an Inhalten rund um diese Geschichte auf. Folgende Themen sind in Arbeit oder geplant — du wirst sie hier nach und nach verlinkt finden:

  • 🎨 Bartimäus in der Kunst: Eustache Le Sueur, byzantinische Ikonen, äthiopische Fresken, „The Chosen“ und der moderne Film
  • 📚 Buchempfehlungen: Joseph Ratzingers Jesus von Nazareth zu den Heilungen, Henri Nouwens Mit den Augen Jesu, Joachim Gnilkas Markus-Kommentar, östliche Patristik
  • 🎵 Lieder & Musik: der Schrei des Bartimäus in der ostkirchlichen Liturgie und in zeitgenössischer christlicher Musik
  • 🚶 Pilgerziel Jericho: wie der Weg vom Jordan über Jericho hinauf nach Jerusalem heute aussieht
  • 💬 Zeugnisse: Menschen aus dem deutschsprachigen Raum, deren „Bartimäus-Moment“ sie zum Glauben oder zur Kirche zurückgebracht hat — wenn du selbst eines erzählen möchtest, schreib uns
  • 🕯 Lectio Divina mit Mk 10,46-52: ein Begleitheft für 5 Tage betendes Bibellesen mit dem Bartimäus-Text
  • 📖 Die Bartimäus-Katechese von Papst Leo XIV.: der vollständige Wortlaut der Generalaudienz vom 11. Juni 2025 (Quelle: vaticannews.va)

Eine Frage — nicht von uns, sondern aus der Schrift

Lies diese Worte noch einmal langsam:

„Was willst du, dass ich dir tue?“

Bartimäus war konkret. Vier Worte.

„Rabbuni, ich möchte sehen können.“

Wenn du heute, gerade jetzt, vor Jesus stündest und er dich fragen würde — was wären deine Worte?

Schreib sie auf einen Zettel, leg ihn in deine Bibel oder unter ein Kreuz, schau in einer Woche wieder hin. Vielleicht stimmt es noch. Vielleicht ändert es sich. Beides ist gut.

Das ist Lectio Divina. Das ist Gebet. Das ist anablépein — ein langsames, ehrliches Sehen.

Das Jesusgebet — aus dem Schrei des Bartimäus geboren

Aus Bartimäus‘ Schrei „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“ hat sich in der Tradition der Ostkirche das sogenannte Jesusgebet entwickelt. Papst Leo XIV. selbst hat in seiner Katechese vom 11. Juni 2025 darauf hingewiesen, dass dieses Gebet aus dem Markusevangelium stammt:

Herr Jesus Christus, Sohn Gottes,
hab Erbarmen mit mir Sünder.

Es ist eines der ältesten und einfachsten Gebete der Christenheit. Es lässt sich beten, wenn nichts anderes mehr geht. Wenn man sitzt und nicht aufstehen kann. Wenn man schreit und niemand zuhört. Wenn man hofft und nicht weiß, ob die Hoffnung trägt.

Bartimäus hat es erfahren: Es gibt keinen Schrei, den Gott nicht hört.

Quellen und weiterführende Hinweise

VideamUt.de — kuratierte katholische Inhalte und Produkte für Suchende, Praktizierende und Vertiefte. „Ut videam“ — dass ich sehen kann.